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Ein Törnbericht

Lassen Sie sich für einen Moment mit an Bord nehmen und nach Sardinien entführen!


Bonifacio mit Nord Sardinien, ca 400 sm

Segeltörn Elba-Sardinien vom 09.09. bis 17.09.2005

Bucht-SardinienAbendstimmung

Freitag

Wir haben uns wieder einmal auf das Abenteuer eingelassen, mit der Ryan-air nach Pisa zu fliegen. Der Flugplan hatte sich im Vergleich zum Vorjahr positiv geändert, so dass wir bereits um 15:30 hätten starten und damit so früh in Pisa landen können, dass wir noch am gleichen Abend mit einem Kleinbus nach Piombino, mit der Fähre nach Portoferraio und dann zum Schiff fahren wollten, um dort zu übernachten.
Vor einigen Tagen hat Ryan-air mir dann ein freundliches Mail geschickt, in dem sie mir mitteilten, dass der Flug wegen einer angeblichen Flugschau in Pisa auf 20:00 verschoben sei. Also haben wir den Bus wieder abbestellt und stattdessen ein Hotel in Pisa reserviert. Als wir nun pünktlich durch die Sicherheitskontrolle durchgeschleust sind, erfahren wir über Lautsprecher, dass sich der Abflug wegen „technischer Probleme“ um voraussichtlich 3 ½ Stunden auf 23:30 verschieben werde. Im Laufe der langen Wartezeit fragen wir des Öfteren nach, ob wir denn wirklich damit rechnen könnten, dass der Flug ginge, oder ob es auch schon vorgekommen sei, dass so ein Flug gänzlich annuliert wurde. Man hüllt sich in Schweigen und Achselzucken, keiner ist zuständig und wir überlegen ernsthaft, mit dem Auto zu fahren statt ohne klare Perspektive noch weitere Stunden sinnlos auf einen fraglichen Flug zu warten. Doch dann, überraschend pünktlich, werden wir aufgerufen und starten in die Nacht Richtung Pisa. Dort angekommen fahren wir mit dem Taxi in ein schönes Hotel und beschließen den Tag mit einem Bier an der Bar. Dann beziehen wir unsere zwei Doppelzimmer und ich mache mich auf eine schlaflose Nacht neben einem mir bisher unbekannten, aller Voraussicht aber schrecklich schnarchenden Jörg gefasst. Die Furcht ist völlig unbegründet; er säuselt maximal und ist ein äußerst angenehmer Bettgenosse.

Samstag

Wir haben uns vorgenommen, uns dieses Jahr an die auf dem Ticket angegebenen Bahnsteigempfehlungen zu halten und so es gelingt uns tatsächlich, den richtigen, nur unerheblich verspäteten Zug zu besteigen. Nach knapp zwei Stunden sind wir in Piombino und 1 ½ Stunden später in Portoferraio, wo uns Carolin abholt und zu unserem Schiff, der „Sandy“ bringt.

 

Steg WerftDas Boot ist wie immer in einem vorbildlichen Zustand, obwohl wir bereits Ende der Saison haben. An den vielen kleinen Aufmerksamkeiten, die inzwischen eingebaut wurden, merkt man das Bestreben, den Chartergästen gepflegte und komfortabel sowie sinnvoll ausgerüstete Schiffe zur Verfügung zu stellen. So ist unter dem Steuermannsitz ein Auftriebskörper angeklebt, damit er für den Fall des Über-Bord gehens nicht untergeht, am Cockpittisch finden wir eine fest installierte LED-Leuchte, die Küchenutensilien sind vollständig und intakt, selbst ein in Italien nicht erhältlicher Kaffeefilter ist vorhanden, das Schiff ist vorbildlich gereinigt und Carolin poliert noch die Schutzgummileiste am Heck. Ich sehe mein Vertrauen in Patrice und Carolin wieder bestätigt. Sie sind das sorgfältigste Vercharterunternehmen, mit dem ich je zu tun hatte.

 

Wir kaufen in dem nahe gelegenen Supermarkt Unmengen von Nahrungsmitteln, dieses Jahr nicht nur flüssiger, sondern, nachdem sich Tom bereit erklärt hat zu kochen, auch fester Konsistenz. Nach Einweisung in die wichtigsten segeltechnischen Grundbegriffe und Handhabung der Instrumente und Toiletten! legen wir gegen 17:00 ab, um die Nacht über an die Südspitze von Korsika zu fahren. Leider haben wir wenig Wind, und so laufen wir unter Motor nach Süden. Ein beeindruckender Sonnenuntergang bei einem guten AbendesSonnenuntergangsen an Deck scheinen uns gute Vorzeichen für einen schönen Törn. Im Laufe der Nacht nimmt der Wind zu, leider aber, wie beinahe immer, von vorne. Unangenehm ist insbesondere die im Verhältnis zum Wind sehr hohe Welle, die uns entgegensteht und so wird der Trip ziemlich rauh und das Schiff stampft mit herzzerreissendem Knallen in die Wellen. Der Himmel wird im Laufe der Nacht immer düsterer, der Horizont diesiger und wir haben schon ernsthafte Bedenken, in Nebel zu geraten. Über den Bergen von Korsika tobt ein Gewitter, wie ich es noch nie gesehen habe. Ein Blitz jagt den anderen. Die Bergketten sind ununterbrochen von der Rückseite hell erleuchtet und schauen gespenstisch zu uns herüber. Ganz wohl ist uns nicht angesichts der uns umklammernden Naturgewalten. Na, hoffentlich bleibt das Gewitter in den Bergen!

 

Gegen Morgen lässt das Unwetter nach, der Dunst auf dem Meer verschwindet, auch die Wellen sind kleiner geworden und der Himmel reißt auf. Ein völlig ermatteter kleiner Vogel lässt sich erschöpft auf unserer Reling nieder und begleitet uns über Stunden, bis er wieder genügend Kraft für den Weiterflug getankt hat.

 

Eigentlich wollten wir nach Porto Vecchio einlaufen, entschließen uns dann aber für eine weiter südlich gelegene, im Hafenhandbuch als ruhig und landschaftlich sehr schön beschriebene Bucht, in der wir gegen 09:00 Anker werfen.

 

Sonntag

SardinienFrühstücken, Schlafen, Baden in Sonne und Wasser und insbesondere nichts tun als den Urlaub zu genießen, sind die wesentlichen Beschäftigungen der nächsten Stunden. Anschließend setzen wir mit dem Dingi an Land über und begeben uns auf einen Spaziergang um die Bucht und auf die sie umgebenden Hügel. Der Anstieg ist steil, steinig und vor allem dornenreich, dafür ist der Ausblick auf Meer auf der einen und Bucht mit ankernden Schiffen auf der anderen Seite der Bergkuppe wunderschön. Nach dem erfolgreichen Abstieg springe ich über einen etwa 1m breiten Graben und trete beim Landen auf einen Stein, der unter meinem Fuß wegrollt, so dass ich mir das Sprunggelenk recht schmerzhaft verstauche. Wie sich in der darauf folgenden Woche bei dem reumütigen Besuch bei einem Orthopäden herausstellt, sind beide Bänder gerissen.
Vorhersehend einen Törn zu planen, heißt auch, sich nicht nur ganz allgemein mit guten Freunden, sondern nach Möglichkeit mit solchen auf große Fahrt zu begeben, die in der Lage sind, den wichtigsten möglichen Widrigkeiten in der Fremde erfolgreich entgegen zu treten.

 

ThomasSo haben wir Tom als Rechtsanwalt angeheuert, der uns berät, wie wir bei Ryan-air zu viel Gepäck auf die Waage legen können, ohne zu zahlen, was geschieht, wenn wir aus Unkenntnis oder auch Unaufmerksamkeit das Wegerecht anderer Wasserfahrzeuge ignorieren, prüft, ob es strafbar ist, sich illegal auf fremder Leute Parties zu schleichen, usw.

 

Pantry

 

Die Tatsache, dass er kochen kann, (und wie!!) ist ein nicht gefordertes, gleichwohl sehr willkommenes Zusatztalent. Seine lustigen Beiträge tun ein Übriges zu der guten Stimmung an Bord.

 

 

JoergJörg wird uns beraten, welches Grundstück wir an der Costa Smeralda kaufen und wie wir es bebauen werden, wenn wir dereinst reich sind. Er wird allerdings den bei Planquadrat üblichen Stil von Häusern, die erst ab mehreren hundert Meter Höhe interessant werden, geringfügig überarbeiten müssen.

 

 

MichaelMichael ist bei technischen Fragen rund ums Schiff gefordert und steuert hin und wieder angelesene Pseudokenntnisse über Schiffsführung oder das Setzen von Ankerbojen bei.

 

 

 

Guenther

Günther wird als Mathematiker eingesetzt, wenn es um so schwierige Fragen wie Gezeitenkunde geht, ansonsten muss er als Generalmediziner für alle Fakultäten herhalten.

 

 

 

Fuss-2Voller Vertrauen strecke ich ihm daher mit etwas schmerzverzerrtem und ratlosem Gesicht meinen Fuß entgegen, dessen Knöchel innerhalb weniger Minuten eine Tennisball große Form annimmt. Er macht ein bedenkliches Gesicht und bedeutet mir sitzen zu bleiben und den Fuß ins kalte Meerwasser zu halten. Wir schauen uns zunächst ratlos nach etwas Geeignetem um, woraus wir einen Stützverband basteln könnten. Günther hat in weiser Voraussicht auf die Bergtour eine ältere Jeans angezogen, die er sich auf den hochalpinen Pfaden an den Dornen aufgeschlitzt hat.

Fuss-1Mit Hilfe meines Takelmessers trennt er sich aufopfernd die Hosenbeine ab, die wir anschließend spiralenförmig aufschneiden und so zwei etwa1,5m lange „Binden“ erhalten. Der daraus gefertigte Stützverband ist schlicht der beste aller Stützverbände, die ich jemals tragen durfte! Jörg hat inzwischen das Schlauchboot geholt und so fahren wir zurück zum Schiff.

 

Dinghi-1Wir beschließen, die Nacht über in der Bucht zu bleiben und, da der Wind auffrischt, zur Sicherheit den zweiten Anker in einem Winkel von ca. 30 Grad zum Hauptanker zu legen. Günther und Tom besteigen hierzu das Dingi, laden Anker mit Kettenvorlauf und Leine ein und paddeln an die Stelle, an der nach Anweisung des nie zufriedenen Skippers derselbe zu Liegen kommen soll.Während sie dienstbeflissen Leine und Kette klarieren, hat der Wind das Dingi an unserem Schiff vorbei abgetrieben. Beim dritten Anlauf klappt das Manöver, der Anker liegt.

Jetzt starten sie den Außenborder und zielen Richtung Sandy, um die Ankerleine zu belegen, während die schwere Ankerkette in die entgegengesetzte Richtung zieht. Gleichzeitig dreht sie das Dingi in immer wieder andere und insbesondere unvermutete Richtungen, sodass Günther mit rasend schnellen Bewegungen versucht, die Leine einmal links, dann wieder rechts, vorne oder hinten über den Bordrand zu halten, um zu vermeiden, dass sie in die Schraube des Aussenborders gelangt. Er springt dazu auf, dreht sich gelenkig und schnell wie eine Katze, reisst die Arme nach oben, entdeckt die Leine plötzlich unvermutet unter seinem Gesäß, um den Fuß gewickelt oder auf der falschen Seite des Bootes auftauchen.Dinghi-2 Tom fuchtelt gleichzeitig vergebens an dem Steuerhebel des Motors herum, um dem Dingi eine bestimmte Richtung aufzuzwingen. Das Dingi gewinnt diesen Kampf ganz eindeutig. Wenngleich die beiden ihr Handwerk ganz offensichtlich wirklich verstehen und das Manöver letztlich ja auch zum Erfolg führen, schaut die Szene für Jörg und mich vom Schiff so witzig aus, dass uns vor Lachen die Tränen in den Augen stehen. Besser hätten „Dick und Doof“ eine solche Szene nicht spielen können!  

Bei aller Komik: der Anker liegt und ist fest!!! Gratulation!

Abendessen, mittelmäßiger Rotwein, gute Laune, gute Nacht!

Montag

Wir haben herrlichen Wind und holen den Anker auf, um nach Bonifacio zu segeln. Der Wind bläst gleichmäßig und in der für ein genüssliches Segeln optimalen Stärke, nur--- wie immer, gegenan. Das daher notwendige Kreuzen ist mit meiner „Sandy“ ein wirkliches Problem. Durch den kurzen Eisenkiel, die zu kleine und schlecht geschnittene Genua hat das Schiff auf der Kreuz eine große Abdrift und wir haben Wendewinkel von annähernd 115 Grad. So benötigen wir für die 20 sm 7 Stunden, die uns allerdings schönes Segeln bei strahlendem Sonnenschein und blauem Wasser bescheren. Tom beschreibt die hierbei notwendigen Segelmanöver in einer blumenreichen, teilweise kurzen, in jedem Fall aber eindeutigen und verständlichen Sprache, wie z.B: „wir reissen jetzt an den Schoten, um das Schiff durch den Wind zu prügeln“ und dergl. Das klingt viel plausibler als: wir holen jetzt die Schoten dicht und gehen über Stag. Wir werden bei künftigen Törns sorgfältiger Buch führen über diese Anregungen zur Vereinfachung der Seglersprache und dann ein sich sicher gut verkaufendes Buch schreiben.

 

Einfahrt BonifacioDas Einlaufen in den Hafen von Bonifacio ist ein Erlebnis. Die hohen Felsen, auf denen die Stadt liegt, in der bis vor wenigen Jahren große Teile der Fremdenlegion untergebracht war, sind von der untergehenden Sonne hell beleuchtet, die Einfahrt zwischen die Felsen erkennt man erst kurz zuvor und nähert sich nur zögerlich, weil man sich nicht vorstellen, dass hier ein Schiff hineinpasst. Es passt! Es passen weit größere Schiffe hinein, wie wir am Abend feststellen, als die Seacloud 2 einläuft, ein ca. 70m langer Oldtimer.

 

Zunächst wollen wir in einer im Hafenhandbuch als „sicherer Ankerplatz“ ausgewiesenen Bucht einlaufen, die sich dann aber als so klein erweist, dass wir im Hinblick auf den recht kräftigen Wind nicht genug Kette stecken können. So legen wir nach längerem Suchen doch im zweiten Anlauf mit einem Bilderbuchmanöver katholisch in der Marina an.

 

Einen längeren Spaziergang am Hafenbecken der Stadt entlang nimmt mir mein Knöchel deutlich übel und so bin ich froh, als wir zurück auf dem Schiff sind. Günther hat eine Apotheke aufgetrieben und Pillen und elastische Binden für meinen Fuß besorgt. Ich habe den Eindruck, dass keine noch so schöne Binde mir den gleichen Halt gibt wie Günthers alte Jeans in Kombination mit seinem Wickeltalent und wehre mich zunächst gegen den Tausch. Um optisch mit der Crew mithalten zu können, erneuern wir den Verband dann aber doch. Er macht zweifelsfrei einen schöneren Fuß, ich werde mir den alten Verband aber in jedem Fall aufheben!

 

Kurz nach uns ist eine neue Hallberg Rassy 43 eingelaufen und hat neben uns festgemacht. Es ist zwar unsportlich, aber deutlich Nerven schonend, wenn man, wie unser Nachbar, am Steuer steht und das völlig schräg einlaufende Schiff einfach mit dem Bugstrahlruder gerade richtet. Das Schiff, das von der Länge her in etwa so groß ist wie unseres, dürfte mit der Ausstattung ca. 500.000€ kosten und so können wir es nur heimlich bewundern, und davon träumen, so etwas Feines einmal selbst bewegen zu dürfen. Der um die 60 Jahre alte Eigner segelt es zu zweit mit seiner standesgemäß etwa halb so alten Freundin. Wir helfen Ihnen beim Festmachen und er fragt, nachdem ich einige Worte mit ihm gewechselt habe, wo wir unsere österreichische Flagge hätten. Ich erzähle ihm daraufhin, dass ich kein Österreicher sei, sondern Bayer, der mit drei Norddeutschen unterwegs sei, worauf er, wie befürchtet, antwortet, er liebe die Bayern und würde demnächst auch dorthin ziehen. Gott sei Dank erzählt er mir nicht, dass er Wahlbayer sei, denn meiner Kenntnis nach hat ihn niemand gewählt. Als unsere Nachbarn vom Abendessen zurückkommen, frage ich sie, ob sie sich in dieser Gegend auskennten und uns gegebenenfalls ein paar Tips geben könnten. Sie bejahen und bieten an, zu uns aufs Schiff zu kommen und uns einige lauschige Plätze zu empfehlen.
Eifrig räumen wir das Schiff auf und verstecken das ungespülte Geschirr.
Unsere Nachbarn kommen und stellen sich mit Dietmar und Martina vor. Es stellt sich heraus, dass Dittmar aus Darmstadt kommt und er fragt verwundert, wo denn die „Norddeutschen“ seien, mit denen ich unterwegs sei. In dieser großen, ausnahmslos aus Gegnern bestehenden Runde muss ich jetzt etwas vorsichtiger werden und meine bayerische Überheblichkeit zügeln und so überhöre die Frage. Dietmar hat einen Satz eigener Seekarten mitgebracht, vom Feinsten. Ich biete an, Licht zu machen; hat man selbst in Form einer Kopflaterne dabei. Wir bieten ein Glas Rotwein an, man bejaht vorsichtig und höflich dankend und trinkt auf das gegenseitige Wohl. Da die Flasche nunmehr leer ist, drohe ich an, eine zweite gleichen Jahrgangs aus unserer wohl sortierten Bilge zu holen. Doch hier ist offensichtlich die Belastbarkeitsgrenze des Millionärgaumens erreicht und Dietmar erbietet sich freundlich, aber bestimmt, die nächste Flasche aus seinen Vorräten beizusteuern. Der Wein ist so gut wie sein Schiff schön. Schade, dass er nur eine Flasche mitgebracht hat. Die Tips, die die beiden uns für die nächsten Tage geben, sind uns sehr viel wert, da wir aus dem Hafenhandbuch nicht entnehmen können, ob die jeweiligen Liegeplätze schön und ruhig, sondern im Wesentlichen, ob sie sicher sind und wie man sie anlaufen kann.
Nachdem unsere Nachbarn uns verlassen haben, diskutieren wir über die Vor,- und Nachteile des Besitzes von viel Geld und kommen, in Gedanken an den guten Wein zu dem überraschenden Ergebnis, dass Reichsein bei allen Neidgefühlen und Missgunst doch durchaus positive Effekte haben muss.
Es war einfach nur lustig, zuzusehen, wie Dittmar mit viel Fingerspitzengefühl versuchte, uns bei all seinen Erzählungen immer wieder klar zu machen, dass man zum Glücklichsein das von ihnen tags zuvor verspeiste 160€-Menue durchaus eigentlich nicht bräuchte und man selbstverständlich viel romantischer in der Bucht von Porto Cervo kostenlos ankern könnte, als, wie von ihm gemacht, für 120€/Nacht in der Marina anzulegen.
So ungefähr sprechen wir wahrscheinlich mit unserer russischen Zugehfrau, wenn wir erzählen, dass wir auf einem 15m Schiff, aus Komfortgründen mit lediglich 4 Mann belegt, nach Sardinien an die Costa Smeralda fahren, obwohl wir viel lieber mit ihr nach Russland fahren und in der Nähe des verseuchten Tschernobil-Reaktors campen würden.
So lästern wir noch eine Zeitlang, obwohl unsere Nachbarn wirklich nett waren, holen uns hierzu noch die ein oder/und die andere Flasche aus der Backskiste und gehen dann gut gelaunt ins Bett.

 

Dienstag

Im MastWir laufen mit dem Ziel aus, die uns von Dittmar vorgeschlagenen schönen Plätze der Reihe nach anzuschauen. Ein schöner Segeltag mit Wind aus der richtigen Richtung erwartet uns. Wir versuchen Segel zu setzen, können aber das Großsegel nicht ausrollen. Nach einer halben Stunde erfolglosen Ziehens an Unterliekstrecker, Großschot, Dirk und Reffleine steige ich in den Bootsmannstuhl und lasse mich in den Mast ziehen um das Segel aus der Nut zu zerren. Es gelingt nur zentimeterweise und wir brechen den Versuch ab. Günther seilt mich über zwei Winschen gesichert wieder aufs Deck ab. Plötzlich kommt uns die Idee, vielleicht das Achterstag weiter zu öffnen und schlagartig ist das Segel frei. Wie peinlich! Wir werden es aber trotzdem niemandem erzählen, was für einen Sch…Skipper wir uns da angelacht haben.

 

Blick in BuchtUnser erstes Ziel ist eine kleine Siedlung in einer Bucht, dessen Gebäude sich malerisch und unauffällig in die das Hafenbecken umsäumenden Hügel einbetten.
Ein kleines und offensichtlich sehr feines Restaurant inmitten von englischem Rasen und schönen Blumenarrangements liegt an einer Seite des Hafens und bietet gleichzeitig Blick aufs Meer und den Ort. Hier wollten wir ursprünglich ein Bier für 14€ trinken und den von Dittmar mit leuchtenden Augen beschriebenen Ausblick genießen. Für diesen Preis hatten wir uns aber vorgenommen, mindestens zwei Stunden zu bleiben. Da wir aber schon relativ spät dran sind und noch 8sm durch von Untiefen geprägtes Territorium vor uns haben, verzichten wir auf einen Stopp und laufen wieder aus.

 

Nach einer Stunde peinlich genauer Navigation kommen wir in eine Bucht, an der bis vor wenigen Jahren ein Club Med existierte. Die Gebäude stehen auch alle noch, aber der Club ist geschlossen. Die umgebende Landschaft ist wirklich schön. Bizarr ausgewaschene Steine, in denen man mit Fantasie alle nur möglichen Dinge und Wesen zu sehen vermag, dahinter die Berge und überall Schirmpinien, die sich anmutig in die Landschaft schmiegen.
Der erste Landgang ist deprimierend. Überall ist nach dem Verlassen des Dorfes Müll deponiert worden, verrostete Rohre und Behälter liegen in den Büschen, dazwischen finden wir Öllachen und alte Benzinkanister. Ein Herz für die Umwelt ist offensichtlich immer nur dann vorhanden, wenn damit unmittelbar Geld zu verdienen ist.

 

DuscheWir fahren mit unserem „Tender to Sandy“ zurück zu unserem Schiff. Günther nutzt die Gelegenheit, sich genüsslich unter die warme Heckdusche zu stellen und die verbliebenen Haare zu waschen.

 

 

 

KontrolleAls er gerade seinen Alabasterkörper entblößt hat, kommt ein graues, sehr schnelles und sehr amtlich aussehendes Motorboot auf uns zugefahren und macht fest. 4 Uniformierte und bewaffnete Männer verlangen Ausweise und Schiffspapiere, offensichtlich sind sie aber nicht von der Sitte, sondern vom Zoll.

 

 

Jollen vor SonnenuntergangMit einem Bier in der Hand im Cockpit sitzend genießen wir den Tagesausklang. Mit der untergehenden Sonne kommt eine kleine Brise auf, die zwei junge Männer nutzen, um um unser Schiff herum Bojen auszulegen und auf ihren kleinen Jollen eine Regatta gegeneinander zu fahren. In der Abenddämmerung bei ruhigem Wasser hört man alle Geräusche besonders intensiv und so schauen und hören wir, in die am Horizont verschwindende Sonne schauend, schweigend den beiden Seglern zu und genießen vor uns hin träumend unseren Urlaub. 

  

Mittwoch

Heute wollen wir nach Porto Cervo. Wir holen den Anker auf und laufen unter Segel durch die vielen Untiefen, die sich bei Tage und mit etwas Revierkenntnis als deutlich leichter beherrschbar herausstellen als am Abend zuvor, hinaus aufs offene Meer. Wir haben tollen Segelwind mit 4 Beaufort, der gegen Abend noch deutlich zunimmt, so dass wir letztlich bei 6 Windstärken das Groß reffen. Die letzten Stunden kreuzen wir vor Porto Cervo und beobachten eine Profi-Regatta. Gemeinsam mit den Regattaschiffen laufen wir dann in den Hafen ein und suchen den Teil des Hafens auf, in dem man ankern kann. Leider liegen schon viele Boote hier, sodass wir zunächst große Probleme haben, eine geeignete Ankerplatzlücke zu entdecken. Als wir uns endlich für einen Platz entschließen, ernten wir missmutige Blicke der potentiellen Nachbarn, die Angst haben, dass wir ihnen zu nahe kommen oder dass wir unseren Anker über den ihren werfen. Als wir den „Schlammhackl“ dann endlich fallen lassen, hält er nicht und wir treiben bei starkem Wind mitsamt Anker auf eine Boje und nahe gelegene Schiffe zu. Überall begegnen uns begeisterte Gesichter oder kopfschüttelnde Besserwisser. Schwierige Anlegemanöver mit einer zwar perfekten aber doch anzahlmäßig unterbesetzten Crew unter den hämischen Blicken von Dutzenden Segleraugen gehören zu den absoluten Highlights eines Skipperlebens. Auch der zweite Versuch misslingt, der Anker gräbt sich nicht ein. So suchen wir weiter und finden nach 30 Minuten erfolgloser Ankerleger einen guten und sicheren Platz, an dem unser Anker nach einem gelungenen Manöver auch zuverlässig hält. Wir liegen fest in Porto Cervo! Selbst unsere uns beäugenden Ankerplatznachbarn scheinen beruhigt und ziehen sich in ihre Salons zurück. Nach dieser nervenzermürbenden letzten Stunde benötigen wir zunächst ein Anlegebier im Cockpit unsres schönen Schiffes.

 

SuperyachtWir beschließen, uns Porto Cervo näher anzuschauen. Wir versuchen uns entsprechend standesgemäß zu verkleiden und ziehen die besten unserer ungebügelten T-Shirts und frische Socken an, dann setzen wir mit dem Gummiboot über. Zunächst schlendern wir durch den mondänen Hafen und schauen uns die riesigen, teilweise wirklich schönen, teilweise plump protzigen Yachten an. Traumhafte, 50m lange Segelyachten mit traditionellem Yachtheck, unendlich hohen und aufwändig verstagten Masten, auf denen Horden von fleißigen Geistern die Edelstahlwinschen und Messingbeschläge polieren, Schoten und Festmacher in Schnecken aufrollen und dafür sorgen, dass auf dem edlen Teakdeck kein Krümel liegt, lassen uns träumen. Monströsen Hightec-Racern, die mit ihren dunklen, kahlen Carbonschalen und den im gleichen Farbton gehaltenen Winschen und Beschlägen von außen den Charme eines Gruselkabinetts verstrahlen, begegnen wir mit gemischten Gefühlen: Mitsegeln würden wir hier schon gerne einmal und miterleben, wie sich diese unglaubliche Technik in Geschwindigkeit umsetzen lässt, aber um Urlaub zu machen, abzuschalten und in einer ruhigen Ankerbucht zu liegen und zu lesen, sind diese Racer nicht geeignet. Man müsste sich im Zweifel dann beide Schiffe kaufen und während wir mit der einen Yacht unterwegs sind, wird die andere im Hafen von den Dienstboten gepflegt.
Die viele Stockwerke hohen Motoryachten mit ihren Antennenwäldern und terassenförmig angeordneten Lümmelwiesen hingegen beeindrucken nur durch Protz. Die Vorstellung, dass diese Riesenkähne zum zweifelhaften Vergnügen eines einzelnen Superreichen bewegt werden und dabei mehrere hundert Liter Benzin/h verbrennen, während wir restlichen Menschen uns über Klimawandel unterhalten, erzeugt bei mir keinen Neid, sondern Unbehagen.
Auf einem dieser Kähne sitzt eine einsame Lady auf der Terrasse vor einem überdimensionalen Blumenstrauß und lässt sich von einem in schwarz/weiß verkleideten Kellner ihr Diätmenue servieren. Ein bemitleidenswerter, Einsamkeit ausstrahlender Anblick. Tom macht den Vorschlag, wir sollten der Lady anbieten, ihr die Zeit zu vertreiben und mit ihr zu Abend zu tafeln. Das würde ihre Einsamkeit vertreiben und unsere Bordkasse entlasten. Aber hier stehen uns Etikette und Feigheit entgegen und so wandern wir weiter, um uns ein bezahlbares Restaurant zu suchen.

 

Nach einem längeren Spaziergang mit erfolgloser Suche beschließen wir, zum Schiff zurückzufahren und an Bord zu essen. Jörg und ich warten bereits auf dem Dingi, als Tom uns aufgeregt auffordert, mitzukommen, er hätte jetzt eine exzellente und unserem Niveau adäquate Essensaufnahmequelle gefunden. Wir trotten mit ihm zurück zu einem Nobelhotel, auf dessen Vorplatz eine große Party steigt. Es ist die Abendveranstaltung der Regatta, die wir am Nachmittag beobachtet haben. Sie wird gesponsert von Rolex und BMW. Am Eingang stehen Kontrolleure, die sich aber nicht weiter für Neuankömmlinge interessieren und so treten wir mit gleichgültigen und etwas gelangweilten Gesichtern ein und genießen ein exzellentes Buffet, guten Rotwein und verschiedene Aufführungen vom Feuerspeier bis zu einer Band, deren schwarze, gut aussehende Sängerin gekonnt Tina Turner Songs von der Bühne schmettert.
Gegen Mitternacht fahren wir zurück zur Sandy.

 

Donnerstag

CappuccinoHeute müssen wir zurück nach Elba, weil Jörg am Freitag Abend in Pisa sein muss, um seinen Flug nicht zu verpassen. Zunächst gehen wir noch einmal nach Porto Cervo, kaufen ein, bewundern die schöne unauffällige Architektur der Häuser und genießen einen exzellenten Cappuccino für den für Porto Cervo moderaten Preis von 5 €.

Wir haben über 100 sm vor uns, das bedeutet eine Nachtfahrt. Petrus ist uns gnädig und hat uns 4-5 Windstärken aus WNW geschickt, so dass wir unter Segeln mit durchschnittlich 7 bis 8 Knoten nach Norden fliegen. Das Schiff luvt zunächst stark an und läuft aus dem Ruder, so dass wir alle Tricks der Trimmkunst aufwenden müssen, um es zu bändigen. Wir ziehen den Holepunkt der Genua nach achtern und öffnen das Achterliek, wir rutschen den Traveller nach Lee, reffen das Großsegel, passen die Achterstagspannung an und setzen den Niederholer durch. Es wirkt, und wie! Das Schiff ist bei verkleinerter Segelfläche schneller als zuvor und lässt sich problemlos steuern. Bis abends um 17:00 segeln wir abwechselnd auf dem gleichen Kurs unserem Ziel entgegen, dann schläft der Wind ein und wir werfen die Maschine an. Mit schönem Sonnenuntergang und einem guten Abendessen verabschieden wir uns in die Nachtfahrt.

 

Freitag

Ich gehe früh ins Bett, um zu versuchen, nach den vergangenen Nächten mit extrem wenig Schlaf etwas nachzuholen und dann die Morgenwache zu übernehmen. Trotzdem schlafe ich erst gegen 2:00 ein und stehe zwischendurch immer wieder auf, um mitzuhelfen, eigenartige Lichter am Horizont zu identifizieren, uns begegnende Gespensterschiffe mit dem Fernglas zu verfolgen und Positionsangaben vom GPS in die Karte zu übertragen. Als ich dann endlich einschlafe, verfalle ich in einen Tiefschlaf und verpasse meinen Wacheinsatz. Keiner der Mitsegler weckt mich auf. Ich habe zwar ein schlechtes Gewissen, bin aber gleichzeitig sehr dankbar.

 

Am frühen Morgen kommen wir in der Buch Fetovaia am Südwestende von Elba an, werfen Anker, baden, frühstücken im Sonnenschein und bringen dann Jörg an Land zu einer Bushaltestelle, von wo aus er dann nach Portoferraio zur Fähre fährt.

 

Tom, Günther und ich laufen dann unter Maschine um Elba herum nach Portoferraio, machen in der Bucht vor Magazzini einige Mann-über-Bord Manöver, tanken und fahren unser Schiff zurück in den Stall. Das hier bevorstehende Manöver mit Rückwärtseinlaufen in den extrem engen Liegeplatz vor den kritischen Augen von Carolin und Patrice steht mir drohend bevor. Es gelingt uns aber, das Schiff mit einem Bilderbuchmanöver einzuparken.

 

Carolin geht mit uns alle aufgetretenen Mängel detailliert durch und beginnt umgehend, alles in die Wege zu leiten, um auch kleinere Mängel zu beseitigen. So fällt ihr auf, dass der UV-Schutz an der Genua einen unbedeutenden, kleinen Riß hat. 10 Minuten später ist das Segel unten und sie selbst sitzt mit Nadel und Faden auf dem Vorschiff und näht. In Kroatien hätte man das Segel mit Sicherheit erst

während der Winterarbeiten geflickt.

Tom kocht heute Abend und wir haben Carolin und Patrice zum Essen eingeladen. Es wird ein gemütlicher, aber kalter Abend, das Wetter scheint sich zu ändern.

 

Samstag

Um 9:00 müssen wir vom Schiff verschwunden sein, da dann die Putzkolonnen anrücken. Wir parken unser Gepäck vor der Werkstatt und gehen zu Fuß nach Portoferraio. Da unsere Fähre erst um 17:00 geht, haben wir viele, etwas langweilige Stunden vor uns, die wir uns mit dummen Sprüchen und Unmengen von Capuccini vertreiben.
Die Fähre geht pünktlich, auch der Zug hat überraschenderweise keine Verspätung, Ryan-air hält sich ebenfalls an die Abflugzeiten und so sind wir um Mitternacht in Hahn und zwei Stunden später zu Hause.

 

Ein schöner Törn in einem für uns alle neuen Revier, mit einer sich sehr gut verstehenden Mannschaft ist leider zu Ende. Ich freue mich auf einen neuen Törn mit euch in 2006!

 

Michael, Sept.05

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